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Nach dem Halt meines Intercity in Ribnitz-Damgarten nahm überraschend Friedrich Engels mir gegenüber am Tisch Platz. Er machte nicht den Eindruck, als rechne er damit, erkannt zu werden, so dass ich meine Aufmerksamkeit fast wieder abgewandt hätte in der Gewissheit, es handle sich bei meinem Gegenüber um den Betriebsrat einer Buchhandelskette mit einer mehr oder weniger zufälligen optischen Ähnlichkeit mit dem berühmten Sozialphilosophen.

Engels sah aber genau so aus, wie man ihn aus der kommunistischen Propaganda kennt. Er trug zwar zeitgenössische Kleidung und ein DDR-Brillengestell, hatte aber an seiner Erscheinung ansonsten wenig verändert. Er trug sein reichlich fettiges Haupthaar akkurat zum Linksscheitel gekämmt und seinen markanten Bart, den er ostentativ in Form strich, als wolle er mir bedeuten, dass er es tatsächlich sei, ich müsse keine Scheu haben, ihn anzusprechen.

Schließlich war er es, der das Gespräch suchte. Freilich ohne seine Identität preiszugeben fragte er, wohin ich unterwegs sei. Ich antwortete und stellte fest, dass es mir leichter als gedacht fiel, meiner Aufregung Herr zu werden. Statt auf eine Gegenfrage zu warten erklärte Engels mir, er sei auf dem Weg nach Düsseldorf. Er habe dort Freunde, die er lange nicht mehr gesehen habe. Während ich erwiderte, ich sei durch Düsseldorf gefahren, als ich einmal auf dem Weg nach Münster gewesen sei, kaute er an seinem Daumennagel und lenkte meine Aufmerksamkeit vom schwarzen Bart, durch den sich einzelne weiße Haare schlängelten – als einzige sichtbare Spuren, die die gut 100 Jahre seit seinem Tod hinterlassen hatten – auf die violetten Lippen, die sich öffneten und den Blick auf eher nachlässig gepflegten Zahnersatz freigaben.

Ich ertappte mich dabei, wie sich meine Gedanken an der Frage festhielten, ob Lippen von dauerhaft getragenem Bart zwangsläufig diese violette Farbe annähmen. Ich kam zu keinem mich endgültig zufriedenstellenden Ergebnis und beschloss, die Frage zu googlen. Als nächstes – Friedrich Engels sprach mittlerweile vom städtischen Schwimmbad der Mittelstadt, an der wir gerade vorbei fuhren – beschäftigten sich meine mäandrierenden Gedanken mit seiner Weste in Lederoptikpolyester, die einen mir in dieser Masse aus der Ikonographie nicht erinnerlichen Bauch verhüllte und der Frage, ob es ein Paralleluniversum gebe, in dem solche Westen jemals als modisch gelten könnten und – wenn ja – welche naturwissenschaftlichen Regeln eingeführt werden müssten, um einen solchen widernatürlichen Zustand hervorzurufen.

Der Zugchef wies auf den uns gern zur Verfügung stehenden Bordservice hin, Engels darauf, dass er keinen Kaffee trinke, wegen Herzrasen. Er blickte fragend durch mich hindurch, während er mit seinem linken Arm nach den schwarzen Nappaledermokassins an seinen Füßen griff und sie unter Grunzlauten abnahm. Ich beschloss, mir meine Frage für später aufzuheben.

Als der Zug eine halbe Stunde später an meinem Zielort einfuhr, hatte Friedrich Engels den Hebel zum Kippen der Sitzlehne gefunden und war zu meiner Erleichterung längst eingeschlafen.